Ein Restaurant und seine Tücken

Karl sitzt im Restaurant. Der Kellner kommt vorbei und legt Stift und Notizblock an. „Sie wünschen?“ Karl antwortet mit grummelnden Magen: „Ich habe Hunger. Ich will Essen!“ Der Kellner wartet noch einen Augenblick, bis er wieder fragt: „Sie wünschen?“ Doch Karl erwidert nur „Habe ich doch gesagt! Ich will ESSEN“. Der Kellner verlässt Karl, um sich um seine weiteren Gäste zu kümmern. Soll er doch erst mal herausfinden, was er wirklich möchte…

 

Karl hat verstanden, dass er nun konkreter sagen muss, was er möchte. Er nimmt sich das Menü vor und studiert es eingehend. Der Kellner kommt und fragt wiederum „Sie haben eine Entscheidung getroffen, Sir?“ Karl antwortet „Ja, habe ich. Ich will auf keinen Fall die Fischsuppe.“ Der Kellner nickt, notiert sich die Fischsuppe und schreitet in die Küche. Der Kellner ist so sehr darauf trainiert Bestellungen aufzunehmen, dass er das Wort „nicht“ nicht versteht und nur das Bild der Bestellung im Kopf hat.

Als er Karl die Fischsuppe serviert, ist dieser außer sich.
Dies klingt vielleicht verrückt, doch wie oft konzentrieren wir uns auf Dinge, die wir nicht möchten? Ich hoffe, dass ich die Präsentation nicht versaue… Ich will bloß nicht beim Test durchfallen… Ich will nicht alleine sein… Ich nehme bestimmt fünf Kilo zu, wenn ich dieses Stück Erdbeerkuchen esse.
Ängste sind mächtig, weil sie deinen Fokus auf die Dinge lenken, die du vermeiden möchtest. Doch der Kellner des Lebens unterscheidet nicht zwischen Gutem und Schlechten und bringt dir das worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst. Konzentriere dich immer auf das was du möchtest. Die bestmögliche Lösung. Die schönste Situation. Das optimalste Ergebnis.
Karl ist nun ein bisschen hilflos. Was soll er nur wählen? Es gibt so viele Möglichkeiten. Als der Kellner kommt und nach der Bestellung fragt, zögert Karl. In dem Moment lehnt sich ein älterer Herr mit faltigem Gesicht und Cowboyhut vom Nachbartisch zu Karl. Er winkt den Kellner her und sagt: „Karl nimmt eine Lasagne mit dem fettigsten Käse den sie haben.“ Der Kellner notiert sich die Bestellung und bringt sie zur Küche.

Schon sehr abwegig? Doch wie oft bestellen unsere Eltern, Chefs, Lehrer, Freunde oder die „Gesellschaft“ für uns? Wie auch Karl geben wir unsere Macht ab und lassen uns unsere Wünsche diktieren. Woher kommt der Plan von Haus bauen, Familie großziehen und acht Stunden arbeiten? Wir sind zu einem großen Teil fremdbestimmt und umso eher wir uns dies bewusst werden, umso eher können wir uns davon lösen. Denn eine Sache ist klar: Wir sind nicht auf diese Welt gekommen, um nach den Wünschen und Vorstellungen Anderer zu leben – egal wie nahe sie uns stehen.
Dies hat nun auch Karl verstanden. Er entscheidet sich für den Caesar Salad. Als der geduldige Kellner wieder die Bestellung aufnehmen möchte, ist Karl durch die vielen Fehlversuche sehr verunsichert und bestellt sehr zögerlich und schüchtern mit den Worten: „Wenn es Ihnen keine Umstände macht, dann hätte ich bitte gerne einen Caesar Salad, also das wäre schon toll…“

Wer bestellt schon so in einem Restaurant? Doch wo liegt hier der Unterschied zu deinem Leben? Wann hast du das letzte Mal die Fäuste auf den Tisch gehauen und eine Entscheidung getroffen, die von Klarheit und Kraft nur so gestrotzt hat? Ich entscheide mich bei der nächsten Klausur eine 1,3 zu schreiben! Ich entscheide mich fließend Spanisch sprechen zu können! Ich entscheide mich dreimal in der Woche Sport zu treiben! Und ich wähle ein Leben, das vor Glück, Gesundheit und Liebe überläuft! DAS wird vom Kellner des Lebens verstanden.
Doch wir haben Angst. Machen uns Klein, damit unsere Kraft die Anderen nicht einschüchtert. Bloß nicht arrogant wirken. Was ist wenn es nicht klappt? Es gibt viele Gründe, um nicht kraftvoll das vom Leben einzufordern, was man möchte. Doch es gibt einen guten Grund es zu tun: Es muss sein. Es gibt keine Veränderung und keinen Erfolg, ohne dass davor eine kraftvolle Entscheidung getroffen wurde. Wenn du etwas ändern möchtest in deinem Leben, dann mit Entschlossenheit.

Und Karl ist nun entschlossen. Er winkt den Kellner her, schaut in tief in die Augen und sagt: „Ich möchte einen Caesar Salad, pronto.“ Der Kellner schreibt die Bestellung auf, bedankt sich und schreitet in Richtung Küche. Karl ist ganz erfreut, dass es doch so leicht geht zu bestellen.
Als er in der Wartezeit die anderen Gerichte der Restaurantgäste sieht, wird er plötzlich unsicher. Er sieht dampfende Thai-Suppen, sorgsam gefüllte Paprikaschoten und duftende Zitronen-Fenchel-Risotto. Hat er die richtige Entscheidung getroffen? Als der Kellner gerade zu einem anderen Tisch laufen wollte, hält ihn Karl auf, zieht seine Salat-Bestellung zurück und bittet um Bedenkzeit. Der Magen bleibt leer.
Auch wir sind von der Fülle an Möglichkeiten erst mal erschlagen und bestellen etwas, um es dann gleich wieder abzubrechen. Ich will eine Freundin heißt es am Montag und am Dienstag freut man sich über sein Singleleben. Diese widersprüchlichen Signale sind wie verschiedene Bestellungen im Leben. Was soll der Kellner bringen? Auch viele unserer Handlungen stehen im Konflikt zu unseren Wünschen. Wir naschen, obwohl wir abnehmen wollen und schauen Fernsehen, obwohl wir uns nach Freunden und Liebenden sehnen. Erst wenn unsere Gedanken, Worte und Handlungen im Einklang eine Bestellung formulieren versteht der Kellner was wir wünschen.

Karl denkt darüber nach, was er wirklich möchte. Als sich der ältere Mann mit dem Cowboyhut wieder zu ihm lehnt, blockt ihn Karl freundlich ab. Er schafft das schon alleine. Seine Unsicherheit ist verschwunden. Er ist konzentriert und freut sich darauf bestellen zu können. Als der Kellner kommt wählt Karl mit einem Lächeln. Er weiß, dass es nicht seine letzte Bestellung sein wird und daher nicht perfekt sein muss. Warum auch? Er hat unendlich viele Bestellungen noch vor sich und kann noch so viel ausprobieren. Die Wahrheit ist, dass Karl immer bestellen muss, er kann nicht nicht bestellen. Es ist wie ein Spiel, dessen Regeln er jetzt verstanden hat.
Ihm fällt zudem auf, dass nirgendwo Uhren hängen. Keiner der Gäste trägt eine Armbanduhr und auch der Kellner nicht. Im Lebensrestaurant existiert das Konstrukt der Zeit nicht. Karl versteht, dass seine Ungeduld nie mit dem verstreichen von Zeit zu tun hatte, sondern mit seinem Mangel an Vertrauen. Der Kellner des Lebensrestaurants kennt keinen Zeitdruck. Keine Hetze. Kein Drang. Er serviert. Mehr muss Karl nicht wissen.
Karl sieht andere Gäste, die entrüstet aufstehen, weil sie für ihr Empfinden zu lange auf ihre Bestellung warten müssen.
Doch er bleibt entspannt. Er beobachtet nicht mehr gierig die dampfenden Teller, die an ihm vorbei gereicht werden. Er versucht nicht mehr den Kellner mit seinen wartenden Blicken auf sich aufmerksam zu machen. Er kontrolliert nicht mehr jeden einzelnen Schritt des Kellners.
Er redet viel lieber mit den anderen Gästen. Hilft ihnen ihre Bestellungen zu formulieren. Spricht über das liebevoll eingerichtete Ambiente und beglückwünscht sie zu ihren leckeren Gerichten.
Dabei stellt Karl fest, dass der Kellner noch so komplizierte Extrawünsche berücksichtigt. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob ein Drei-Gänge-Menü oder ein Fleischpflanzerl mit einem trockenem Salatblatt bestellt wird. Der Kellner unterscheidet nicht zwischen „schweren“ und „leichten“ Gerichten. Er serviert einfach.

Der Moment ist gekommen: Der Kellner überreicht Karl eine kleine, aber feine Vorspeise. Karl bedankt sich höflich, denn Dankbarkeit bedeutet, dass man akzeptiert, was man selber bestellt hat.
Er hat gelernt Kontrolle aufzugeben, sich zurückzulehnen und entspannt auf die herrlichen Gerichte zu warten, die der Kellner mit Freuden serviert.
Es ist die leckerste Suppe, die Karl je gekostet hat.

Fabian Ries