Hospiz macht Schule 2018

Im Jenseits wartet ein Spielplatz

Der Tod ist kein Tabu. Im Gegenteil: Im Projekt „Hospiz macht Schule“ gehen Kinder offen mit diesem Thema um. Da fließen keine Tränen. Traurig sein ist trotzdem erlaubt, diesmal an der Marienstraße.

Marianne Michel heißt die Koordinatorin des besonderen Projekts, das die Hospizmitarbeiterinnen und Mitarbeiter 2015 ins Leben gerufen haben. „Wir möchten Jungen und Mädchen auf kindgerechte Art und Weise das Thema Tod und Sterben näher bringen und Ängste abbauen“, erklärt sie. Mit Erfolg, wie sich am Ende der Woche zeigt.

Neugierig sitzen die Jungen und Mädchen der Delfinklasse der Marienschule auf ihren Stühlen im Kreis. Luftballons und selbstgemalte Bilder hängen an einer Leine im Raum. In der Mitte stehen die „Schatztruhen“ mit dem abwechslungsreichen Arbeitsmaterial, mit dessen Hilfe die acht Männer und Frauen fünf Tage lang den Unterricht gestalten.

Und die ausgebildeten Hospizkräfte wissen genau, worüber sie reden, betreuen sie doch schon seit vielen Jahren Sterbende und Trauernde. Sie möchten vor allem bedrohliche Bilder aus den Köpfen der Jungen und Mädchen vertreiben und nicht zuletzt die Sprachlosigkeit der Erwachsenen.

Marianne Michel: „Manche Eltern hatten Bedenken. Sie fragten uns, ob es nicht zu früh sei, die Kinder damit zu konfrontieren“. Ihre Antwort fällt eindeutig aus: nein! Die Viertklässler sind fröhlich und machen begeistert mit. „Das alles ist spannend“, findet Cheyenne, die zuvor kaum über das Thema gesprochen hat. Und Suri stimmt ihr zu. Auch ihr gefällt der etwas andere Stundenplan, obwohl „es manchmal traurig ist“. Im Film „Willi will’s wissen“, bekommen die Schüler einen ersten Einblick. Und dann tasten sie sich heran, in kleinen Gruppen, ganz behutsam, an das schwierige Thema. Sie basteln und malen. Sie spielen und begeben sich auf Fantasiereisen. Sie pflanzen Bohnen und Schneeglöckchen als Zeichen der Hoffnung. Und sie reden über viele Dinge: über das Traurigsein und den Trost, über die Arten des Sterbens, über Krankheiten und Leiden, über Jenseitswvorstellungen und über Bestattungsrituale. Und das Ergebnis ist durchweg positiv: keiner von ihnen hat Angst vor dem Tod. Lynn zum Beispiel glaubt, dass im Himmel Engel warten. Muhammed hofft im Jenseits auf einen Spielplatz. Und Emily rechnet fest damit, dass sie nach dem Tod alle geliebten Menschen wiedersieht. „Das ist ein schönes Gefühl“, sagt sie.

Unheimlich finden die Schüler allerdings den Anblick des Toten, der im Film zu sehen iwar. Ein komisches Gefühl beschlich sie auch im Hospiz an der Feldstraße. Als die jungen Besucher dort vorbeischauten, brannte eine Kerze im Foyer. „Da war dann gerade jemand gestorben“ erzählt Lena, die bis dahin nicht wusste, was ein Sterbehaus ist und dass es das überhaupt gibt. „Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, mit diesem Thema umzugehen. Das dürfen wir nicht totschweigen“, betont Lehrerin Simone Meier. So sind sich am Ende der Projektwoche alle einig:“Der Tod gehört zum Leben dazu und ist etwas Natürliches.

Ulrike Geburek / Recklinghäuser Zeitung

Info: Falls eine Schule Interesse an dem Projekt hat, genügt ein Anruf unter 60930.

Dem Tod die Tür öffnen – Projekt „Hospiz macht Schule“

Dem Tod die Tür öffnen – Projekt „Hospiz macht Schule“ startet in Recklinghausen – Kinder reden übers Sterben

„TOD“. Ist das nicht ein schreckliches Wort? Steht es in der Regel doch für Trauer, Verzweiflung, Angst und Einsamkeit.“Nein“, sagt Marianne Michel entschieden. „Nein“, das muss nicht sein“. Die Frau aus dem Recklinghäuser Hospiz möchte die dunklen Wolken verscheuchen, will den Schrecken nehmen und schon Kindern zeigen: Der Tod gehört zum Leben dazu und ist etwas Natürliches.

„Hospiz macht Schule“ heißt das ehrgeiziges Projekt, das nun auch in Recklinghausen startet. Viertklässler der Grundschule Im Reitwinkel sind die Ersten, die vom Engagement der Ehrenamtlichen profitieren.

Projekt Hospiz macht Schule„Der Tod sollte  für Jungen und Mädchen keine Tabu sein“, betont Ursula Ortwerth, Mitarbeiterin im Hospiz an der Feldstraße, und nickt entschieden. Aber auch sie weiß, dass das oftmals ein frommer Wunsch ist. „Tod und Sterben sind leider negativ belegt. Es gibt viele Berührungsängste“, erzählt sie weiter, und Bedauern klingt in ihrer Stimme. „Immer noch“.

Doch genau das wollen die Freiwilligen ändern. Dabei rechnen sie nicht mit Problemen. Denn: „Kinder sind zunächst einmal offen und locker. Sie sind neugíerig und haben Fragen. Das ist unsere Chance“, erklärt Hildegard Pelz, die ebenfalls zum Team der Engagierten gehört. Und Mitarbeiterin Kerstin Waaga verspricht: „Wir wollen sie mit diesem Thema nicht allein lassen und geben ehrliche Antworten“. Am Montag, 8. Juni, ist es so weit, gestalten die Frauen fünf Tage lang einen Stundenplan. „Wir haben uns gefreut, dass wir als erste Schule dabei sind“, berichtet Schulleiterin Anne Haumann. Die Kinder seien schon sehr gespannt. Bedenken von Seiten der Eltern habe es nicht gegeben. „Schließlich sprechen wir nicht über Trauriges, sondern vor allem über das Ende des Lebensweges, über Begleitung im positiven Sinne“, betont die Lehrerin. Und die Hospiz-Mitarbeiterinnen wissen genau, worüber sie reden, betreuen sie doch seit vielen Jahren Sterbende und Trauernde. Sie möchten vor allem die bedrohlichen Bilder aus den Köpfen der Jungen und Mädchen vertreiben und nicht zuletzt: die Sprachlosigkeit der Erwachsenen.

„Das Nicht-Reden ist das Schlimme. Plötzlich wird geflüstert. Das alles macht den Kindern unnötig Angst, verunsichert sie“, weiß Ulrike Steinberg. Sie und ihre geschulten Kolleginnen gehen dagegen ganz selbstverständlich mit dem Thema um. Warum nicht einen Bestatter besuchen, mal eine Urne in die Hand nehmen? Im Film „Willi will’s wissen“ bekommen die Jungen und Mädchen einen ersten Einblick. Und dann tasten sie sich heran, in kleinen Gruppen, ganz behutsam, an das schwierige Thema. Sie basteln und malen, sie spielen und begeben sich auf Fantasiereisen. „Bestimmt haben einige der Kinder schon mal Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Da ist es die Oma oder der Opa, oder aber der Hamster, der plötzlich nicht mehr da ist. Da kommen wir schnell miteinander ins Gespräch“, sagt Koordinatorin Marianne Michel. Und sie reden über die vielen Dinge: über die Art des Sterbens, über Krankheiten und Leiden, über Jenseitsvorstellung und Bestattungsrituale, über das Traurigsein und Trost. Bei diesem Aspekt muss Hildegard Pelz immer daran denken, wie ihr Sohn als kleiner Junge den Tod des Großvaters verarbeitet hat: „Er war fest davon überzeugt, dass sein Opa nun zufrieden mit den Kumpels auf einer Wolke sitzt, Skat spielt und Schokoladenpudding futtert“, erinnert sie sich schmunzelnd.

INFO – Aktion gibt es seit 2005

Bei dem sensiblen Thema Tod und Sterben hat es sich die Hospizbewegung zum Ziel gesetzt, Berührungsängste abzubauen, und zwar auch bei den Kindern.

  • Das Projekt „Hospiz macht Schule“ wurde vor 10 Jahren in Düren entwickelt und wird mittlerweile in vielen Städten praktiziert.
  • Fünf geschulte Ehrenamtliche gehen für fünf Tage in eine Klasse. Die Projektwoche hat an jedem Tag einen neuen Themenschwerpunkt.
  • In Recklinghausen startet das Projekt in der Schule Im Reitwinkel, die in direkter Nachbarschaft zum Hospiz liegt. Das engagierte Team plant fortan zwei Projektwochen im Jahr.

Projekt-Koordinatorin Marianne Michel, Tel. 02361 609316 (Mittwoch)